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Beobachter, 25. Juli 2008, Ausgaben-Nr. 15
Die Wahrheit unterm Zuckerguss.
Hochzeitstorten im Text
Am 8. 8. 08 wird auf den Standesämtern im
Viertelstundentakt geheiratet. Als «Massenware»
entpuppten sich im Beobachter-Test auch
Hochzeitstorten von renommierten Confiserien.
Was bleibt vom «schönsten Tag im Leben» in
Erinnerung: das Brautkleid? Der nach der Trauung in die
Luft geworfene Blumenstrauss? Der erste Kuss nach
dem Jawort? Oder doch die Hochzeitstorte als
krönender Abschluss des Festmahls? Fest steht: Die
süsse Versuchung sorgt an jeder Hochzeitsfeier für
Gesprächsstoff. Wer führt das Messer beim
Anschneiden? Wie kitschig ist die Torte? Und wie gut
sieht sie nach dem Abschneiden des zehnten Stücks
noch aus?
Entsprechend sorgfältig gehen viele Brautpaare bei der
Auswahl der Torte vor. Zahlreiche Confiserien offerieren
«Probierpacks», anhand derer sich verschiedene
Geschmacksrichtungen degustieren lassen. «Rund die
Hälfte der Brautpaare bestellt eine Torte mit
Schokoladenfüllung», beobachtet Priska Rupp,
Chefpatissière der Belvoirpark-Hotelfachschule in
Zürich, eine der drei Jurorinnen für den
Beobachter-Hochzeitstorten-Test.
«Oft ist Schokolade die naheliegende Lösung, weil sie
mehrheitsfähig ist», ergänzt Stefan Romang, Präsident
des Schweizerischen Konditor-Confiseurmeis
ter-Verbands. Früchtemousses seien auch sehr beliebt,
doch sei Obst oft bereits im Dessertbuffet enthalten.
Für den Test bestellte der Beobachter darum bei fünf
renommierten Confiserien je eine Hochzeitstorte mit
Schokoladenfüllung. Um die Torten möglichst
vergleichbar zu machen, gab es auch Vorgaben für die
Dekoration (beispielsweise: keine Kutsche). Die
Confiserien wussten nicht, dass ihre Torten getestet
werden – und die drei Tester wussten nicht, von wem die
Torten stammten. Sie beurteilten die Produkte nach
mehreren Kriterien (siehe Tabelle unten). Zunächst
begutachteten sie mit geübtem Blick das Aussehen
generell sowie allfällige Fehler in der Verarbeitung.
Hernach gings ans Anschneiden: Fällt die Torte schon
nach dem ersten Schnitt zusammen Und schliesslich
testeten sie den Geschmack, die Ausgewogenheit der
Süsse und die Konsistenz.
Alkohol, den niemand bestellt hat
Schon rein optisch waren die Unterschiede gross: Einige
der Testobjekte erinnerten Hochzeitsplanerin Evelyne
Schärer, die dritte Jurorin, «stark an lieblose
Nullachtfünfzehn-Massenprodukte». Ausnahmen waren
die zweistöckige Sprüngli-Torte (die obere Etage auf
einem schicken Plexiglasständer) und das pompöse
Werk des italienischstämmigen Zürcher Starpatissiers
Paolo Caredda: Weil die vom Beobachter bestellte
Tortengrösse (15 Personen) für Hochzeiten relativ klein
ist, schlug er einen Attrappen-Unterbau vor. Essbar war
nur die zweite Etage, der erste Stock war mit
Zuckerguss überzogenes Styropor – zusammen ergab sich damit eine wunderbar grosse Torte.
Abzug gab es aber für ein paar handwerkliche Patzer:
Eines der beiden Zuckergussherzen mit den Initialen des
Brautpaars hatte ein Loch, auch die Randverzierung war
teilweise beschädigt. Sichtlich enttäuscht waren die
Fachleute zudem, als sie das phantasievolle Werk
degustierten. Beim Schneiden zeigte sich, dass der
harte Überzug und die sehr weiche Masse nur schwer
zu portionieren waren, ohne dass die Torte
auseinanderfiel. Und in Sachen Geschmack erntete sie
nur ungenügende Noten: «Der Likör überdeckt alles»,
notierte Belvoirpark-Chefpatissière Rupp. Für
Hochzeitsplanerin Schärer machte der Alkohol (der
notabene nicht bestellt war und für Kinder problematisch
wäre) die Mousse fast bitter. Und
Confiseurmeister-Präsident Romang ortete «keine
Harmonie» der verschiedenen Zutaten. Gesamturteil für
die teuerste Torte im Test: ungenügend. Wegen
Ferienabwesenheit konnte sich Confiserie-Inhaber Paolo
Caredda dazu nicht äussern.
Dass es deutlich besser geht, bewies die Torte von
Sprüngli. Sie erhielt in allen Kriterien gute Noten, einzig
bei der Verarbeitung gab es Abzug, weil der Überzug
offensichtlich nicht aus einem Guss war. Beispielsweise
war deutlich zu sehen, wo der Tortendeckel aufgesetzt
wurde – der Überzug hatte dort Risse. Dafür war sie
sehr gut portionierbar, hatte eine ansprechende
Konsistenz, eine ausgewogene Mischung von Biskuit
und Mousse und eine aufwendige Dekoration.
«Da muss einfach alles stimmen»
Die drei restlichen Torten klassierten sich im Mittelfeld.
Jene der traditionsreichen Berner Confiserie
Eichenberger schnitt geschmacklich am besten ab,
Abzüge gab es aber bei der Verarbeitung und für die
etwas phantasielose Dekoration mit (eingekauften)
Tauben und Perlen. Die in der Innerschweiz bekannte
Confiserie Bachmann aus Luzern lieferte die kleinste
Torte mit einer klassischen, fast kitschigen rosa
Dekoration. Die sehr weiche Füllung erwies sich aber als
kaum schneidbar, und handwerklich war das Ganze zu
grob. Hochzeitsplanerin Evelyne Schärer fiel noch etwas
auf: «Dass die Dekorationsrosen allesamt in der Mitte
platziert sind, macht die Torte sehr schwer
anschneidbar.»
Wer beim Nobelwarenhaus Globus in Zürich eine
Hochzeitstorte bestellen will, wird an dessen
Konditoreilieferantin Fleischli in Niederglatt ZH
verwiesen. Dieser Torte attestierten die Fachleute zwar
ein ansprechendes Äusseres, doch beim Geschmack
gabs die gleich schlechte Note wie beim Testverlierer
Caredda. Fade, so das einhellige Urteil. Auch die
Fleischli-Torte hatte im Übrigen vorfabrizierte
Deko-Elemente (Rosen und Tauben).
Schade, denn vielen Brautpaaren ist am «schönsten Tag
des Lebens» nur das Beste gut genug. «An einer
Hochzeit muss einfach alles stimmen», so
Hochzeitsplanerin Evelyne Schärer, «und die Torte ist
dann das Tüpfelchen auf dem i.» Aufgrund ihrer
Erfahrungen bedauert sie, dass nur wenige Konditoreien
in der Lage seien, wirklich auf individuelle Wünsche
einzugehen. Der Beobachter-Test lässt vermuten, dass
mancher Confiseur schon mit einer Standardtorte seine
liebe Mühe hat.
Teuer heisst nicht unbedingt gut: Hochzeitstorten im Urteil der Beobachter-Jury
Wenig überzeugender Geschmack, handwerkliche
Mängel, phantasielose Dekorationen: Einige der im
Blindverfah-ren getesteten Modelle fanden bei der
Fachjury keine Gnade – obwohl sie aus renommierten
Häusern stammten.
Die Jurymitglieder vergaben jeweils Schulnoten von 1
bis 6; die Tabelle zeigt die gerundeten
Durchschnittswerte; Rangierung nach Gesamtnote
Autor: Text: Martin Müller, Andrea Haefely; Fotos: Ursula Meisser
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